Artemisia annua – der Beifuß kann Leben retten

„Artemisia annua“ – der Beifuß – ist in Deutschland eher als Unkraut bekannt. In China, Vietnam und Kenia dagegen wird er großflächig angebaut. Sein Inhaltsstoff Artemisinin ist eines der wirksamsten Mittel gegen Malaria, doch seine Gewinnung ist aufwändig. Das Innovationsforum „Artemisinin“ in Dessau war der Auftakt für die Bildung eines Netzwerkes, das Wege für eine effiziente Extraktion finden will, damit Artemisinin weltweit bezahlbar wird.

„Artemisinin – die Aussprache des Wirkstoffes ist genauso schwer wie dessen Gewinnung“, sagt Axel Bode. Der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises Wittenberg ist der Manager eines künftigen Netzwerkes, das die Kompetenzen vor Ort bündeln wird, um den Wirkstoff Artemisinin effizient und kostengünstig herzustellen. Bode bezeichnet das Innovationsforum als einen Erfolg versprechenden Auftakt.

Das Max-Planck-Institut zeigt großes Interesse an dem Thema, ebenso die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit wie auch etliche Unternehmen vor Ort, die ihr Know-how einbringen wollen.

PRAKTISCHE ERFAHRUNGEN AUS VIETNAM, KNOW-HOW AUS DEUTSCHLAND

Forumsgäste mit reichhaltiger Erfahrung in Anbau und Verwertung der Artemisia annua waren die stellvertretende vietnamesische Landwirtschaftsministerin und ihre Experten. Der Einsatz von artemisininhaltigen Medikamenten hat in Vietnam dazu geführt, dass Malaria kein Todesurteil mehr ist.

Viele landwirtschaftliche Betriebe bauen Beifuß an. Wenn sich dessen Wirkstoff Artemisinin allerdings nicht effizienter gewinnen lässt, bleibt er zu teuer, um ihn weltweit vertreiben zu können – nach Afrika zum Beispiel. Dort ist Malaria eine „Volkskrankheit“ und fordert täglich Hunderte Todesopfer. Die meisten Erkrankten sind sehr arm.


 

Kleiner Stich – schwere Folgen: Die Anopheles-Mücke überträgt Malaria; das 
Artemisinin aus dem Beifuß hilft bei der Behandlung. (Bild: Kletr – fotolia)

 

Kleiner Stich – schwere Folgen: Die Anopheles-Mücke überträgt Malaria; das Artemisinin aus dem Beifuß hilft bei der Behandlung.
Bild: Kletr – fotolia

Nicht nur gegen Malaria, auch in Mitteln zur Behandlung von AIDS und von Atemwegs- und Herzkreislauferkrankungen kann Artemisinin eingesetzt werden. Der Bedarf an der Entwicklung von qualitativ gutem, hochwirksamem und dennoch preiswertem Artemisinin und seinen Derivaten ist also groß. Hoffnungsvolle Blicke richten sich nun nach Deutschland. Nicht in erster Linie, weil hier Beifuß „wie wild“ wächst. Speziell in der anhaltischen Region um Dessau und Wittenberg ist technologisches Wissen auf dem weiten Feld der Pflanzenforschung und -züchtung vorhanden. Und es gibt hier schon intensive Kontakte zu wichtigen Partnern für den Aufbau einer entsprechenden Wertschöpfungskette.

EFFIZIENTE ARTEMISININ-GEWINNUNG IM NEUEN REAKTOR

Einer dieser Partner ist das Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung (MPIKG) in Potsdam. Dort haben Prof. Dr. Peter Seeberger und seine Kollegen ein neues und preiswertes photochemisches Verfahren entwickelt, mit dem das Artemisinin energieeffizient produziert und die extrahierte Menge sogar verdoppelt werden kann. „Wir lassen gerade unseren Reaktor patentieren“, so Seeberger, „in dem Artemisinin-Derivate ohne Verunreinigung hergestellt werden.“ Eine junge Ausgründung aus dem MPIKG ist die Firma ARTEMIFLOW. Sie produziert das Artemisinin unter Anwendung des neuen Verfahrens.

„Wir werden hier bei uns eine regionale Wertschöpfungskette aufbauen“, ist sich Netzwerkmanager Axel Bode sicher, weil gerade für die vor- und nachgelagerten Wertschöpfungsstufen der Artemisiningewinnung geballte Kompetenz in der Region zu Hause ist – von der Saatgutentwicklung über die Ernte bis zur Weiterverarbeitung des Wirkstoffes.

Die IDT Biologika GmbH aus Dessau-Tornau zum Beispiel ist ein sicherer Partner, wie auch die Stickstoffwerke Piesteritz GmbH, die mit ihren großen Mengen an Biomasse eine optimale Forschungsplattform bietet. Erste Kontakte gibt es zur Dr. Junghanns GmbH in Aschersleben. Dr. Wolfram Junghanns, einer der führenden Saatgutzüchter in Deutschland, ist ein wichtiger Knotenpunkt im Netzwerk – geht es doch künftig auch darum, eine Beifuß-Art zu züchten und anzubauen, in der die Artemisinin-Konzentration wesentlich höher ist als in der herkömmlichen Pflanze.

Das Netzwerk ist noch grobmaschig. Umso stabiler sind die ersten Knotenpunkte. Das lässt Axel Bode optimistisch und sogar mit Vorfreude in die Zukunft schauen, in der er sogar ein Kompetenzzentrum für Artemisinin-Gewinnung vor Augen hat.

 

Ein Bericht des Bundesministerium für Bildung und Forschung

BMBF Arteminisin Broschüre